Januar 2021

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MEDIZIN+CO

MEDIZIN+CO 01/2021

GESUNDHEITSBERUFE 2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020
Max Eberl. Foto: © Borussia Mönchengladbach
Max Eberl. Foto: © Borussia Mönchengladbach

Wir stehen jetzt auf der richtigen Seite

Redaktion: Ingo Rütten

Max Eberl kam im Winter 1999 als rechter Verteidiger zu Borussia und stieg zunächst sang- und klanglos mit dem VfL ab. Rund fünf Jahre später machte er als Jugend-Direktor schnell auf sich aufmerksam, sodass er ab 2008 „eine Etage höher“ als Sportdirektor die Geschicke des Clubs leiten sollte. Im schwierigen Gewässern sollte die Saison 2010/2011 für Eberl ein Stahlbad und für Borussia ein Neuanfang werden: Heute, keine zehn Jahre später, scheint das eine Ewigkeit her.

Über Vergangenes und die Gegenwart hat Ingo Rütten für den HINDENBURGER mit Borussias-Sportdirektor im Borussia-Park gesprochen.

Herr Eberl, wie sehr freuen Sie sich auf das erste Geisterspiel in der Champions League?

Max Eberl: Sportlich freuen wir uns extrem auf die Champions League. Und wir haben alle noch die Hoffnung, dass vielleicht ein paar Zuschauer dabei sein können. Fakt ist stand heute, wir dürfen unsere Fans in den ersten Spielen nicht mit dabei haben und somit sehen wir dem auch mit einem weinenden Auge entgegen. Ohne Fans ist es für einen Underdog noch schwieriger, und gerade für uns sind sie oft tatsächlich der zwölfte Mann – ich erinnere nur an das 2:1 im Borussia-Park gegen den FC Bayern aus der letzten Saison!

Wie viel Spaß macht der Fußball derzeit?

Max Eberl: Es ist ein anderes Spiel, klinischer. Fußballer wollen unterstützende, auch schimpfende Fans um sich herum – damit wachsen sie auf. Ein leeres Stadion ist nicht schön, das Spiel an sich ist viel weniger emotional, auch wenn wir alle genauso angespannt sind wie immer. Wir wollen unbedingt wieder vor Zuschauern spielen, sie sind für das Spiel und alles drumherum extrem wichtig. Wir haben die vergangene Saison im Notbetrieb zu Ende gespielt und befinden uns nach wie vor in diesem außergewöhnlichen Zustand. Damit müssen wir uns derzeit abfinden – auch wenn es nicht so viel Spaß macht.

Corona bringt einige Besonderheiten mit sich, wie lange kann Borussia und wie lange kann die Bundesliga einen solchen Zustand aushalten?

Max Eberl: Die Pandemie hat uns noch einmal näher zusammenrücken lassen. Die Mannschaft hat als erste in der Bundesliga sofort gesagt, dass sie auf Gehalt verzichtet, damit keiner unserer Mitarbeiter der Geschäftsstelle Gehaltseinbußen hinnehmen muss. Wir haben wochenlang nur daran gearbeitet, wieder trainieren zu dürfen. Das Ordnungs- und Gesundheitsamt in Mönchengladbach haben uns unterstützt, nichts erleichtert, aber mit Hinweisen unterstützt – so dass wir alles umsetzen konnten, um wieder trainieren zu dürfen. Wie gesagt, die Bundesliga läuft im Notbetrieb, wir haben nicht nur finanzielle, sondern auch emotionale Einbußen. Wenn das langfristig weiter gehen sollte, befürchte ich, dass es kompliziert werden wird. Das betrifft nicht nur den Fußball: Deswegen dürfen wir alle jetzt nicht zu leichtsinnig werden, müssen uns an die Regeln halten und lernen, mit der neuen Normalität umzugehen.

Mal sportlich gedacht, wie wird sich die Konkurrenzsituation durch Corona in der Bundesliga verändern?

Max Eberl: Vereine, die in der Vergangenheit solide gewirtschaftet und nicht über ihre Verhältnisse gelebt haben, haben jetzt eine Chance. Die großen Clubs sowieso, aber auch Hoffenheim, Wolfsburg oder neue mit externem Geld ausgestattete Vereine wie Hertha BSC Berlin könnten von der Lage profitieren. Wir haben schon immer nur das ausgegeben, was wir eingenommen haben: Damit haben wir jetzt eine andere Basis und Ausgangslage als manch andere Vereine. Vielleicht können wir uns dadurch oben festbeißen. Insgesamt wird sich aber sportlich nicht viel ändern, das Tabellenbild der letzten Jahre wird sich eher manifestieren mit möglichen Überraschungen wie beispielsweise Hertha. Auch wir stehen jetzt auf der richtigen Seite.

Denken Sie manchmal an die Saison 2010/11 zurück? Was wäre aus Borussia geworden, hätte die so genannte Initiative Borussia damals das Ruder an sich gerissen?

Max Eberl: Das lässt sich nicht beantworten, und ich möchte das auch nicht beantworten, weil wir es Gott sei dank damals beantwortet haben: mit der Unterstützung unserer Mitglieder, der erfolgreichen Relegation und der Möglichkeit, uns aus diesen Tabellengefilden zu entfernen.

Glauben Sie, Borussia stünde heute so dar, wenn es diese Extremsituation nicht gegeben hätte. Max Eberl: Genau so ein Moment war für den Club notwendig! Die Erwartungen durch das neue Stadion gepaart mit der Tradition und den Erfolgen der 1970er Jahre haben lange vergessen gemacht, dass Borussia 1999 sportlich und finanziell eigentlich tot war. 2010/11 war in der jüngeren Vergangenheit ein Neustart für diesen Club. Die Saison ist im Rückblick betrachtet Gold wert für den VfL.

So wie Ihre Entscheidung, Lucien Favre als Trainer zu holen?

Max Eberl: Diese Entscheidung für Lucien Favre war vermutlich eine der wichtigeren Entscheidungen, die in unserem Club getroffen wurden. Nicht nur, dass er mit uns die Klasse erhalten hat. Auch die fußballerische Entwicklung der kommenden Jahren basiert auf Lucien Favre – mit allen neuen Möglichkeiten und Entwicklungen, die sich daran angeschlossen haben.

Gibt es einen „next Step“ für den VfL? Und wo landet Borussia, wenn es einmal nicht einhundertprozentig läuft?

Max Eberl: Den nächsten Schritt sollten wir nicht am Tabellenplatz festmachen. Aber wenn wir es immer wieder schaffen, um die 60 Punkte zu sammeln, dann wird die Wahrscheinlichkeit hoch sein, dass wir regelmäßig in Europa spielen. Bei mehr als 60 wie in der vergangenen Saison mit Marco Rose spielen wir auch häufiger in der Champions League. Die letzten Jahre zu bestätigen, ist der nächste Schritt. Wir dürfen heute mutiger sein, auch durch die zurückliegenden Erfolge und in der Gewissheit, dass wir die Qualität haben und unsere Leistungen gut einordnen können. Ich rede nicht zufällig immer wieder vom gallischen Dorf. Nicht mehr gegenüber Mainz, Freiburg oder Augsburg. Bei allem Respekt, aber da sind wir vorbei. Bayern, Dortmund, Leipzig, Leverkusen, das sind die Clubs, die wir jetzt auf Dauer ärgern wollen.

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