September 2020

Aktuelle Ausgabe als PDF - September 2020
Aktuelle Ausgabe
PDF
Weitere Ausgaben
Archiv

MEDIZIN+CO

MEDIZIN+CO 03/2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020

GESUNDHEITSBERUFE 2020
Foto: © Martin Müllner www.1-eyeopen.de
Foto: © Martin Müllner www.1-eyeopen.de

ALTSTADT (OHNE) ZUKUNFT (?)

Corona und die Folgen für die Mönchengladbacher Altstadt

Redaktion: Marc Thiele

Wenn man derzeit bei gutem Wetter Abends in die Altstadt geht, scheint Corona weit entfernt zu sein. Wie in Vor-Pandemiezeiten tummeln sich die Menschen auf den Straßen, die großflächigen Außen-gastronomiebereiche des Alten Marktes sind meistens bis auf den letzten Platz besetzt und auch auf die Waldhausener Straße ist das Leben zurückgekehrt. Dass wir in anderen, gefährlicheren und herausfordernderen Zeiten, fernab der Normalität leben, sieht man oft nur an den Masken, die das Servicepersonal trägt und an den Zetteln, die man zum Zweck der Kontaktnachverfolgung ausfüllen muss, wenn man denn einen Platz ergattert hat. Die Krise scheint vergessen und so ganz mag man bei diesem Anblick dem gastronomischen Wehklagen vom finanziellen, existenzbedrohenden Untergang nicht mehr glauben. Aber wie bei jedem Bild, sollte man auch auf dieses einen zweiten und auch dritten Blick werfen, denn die Perspektive ändert vieles.

Die ehemals rückläufigen Infektionszahlen, gepaart mit den damit einhergehenden Lockerungen und das tolle Sommerwetter haben zumindest der am Alten Markt ansässigen Gastronomie, die über große Außenflächen verfügt, für den Moment „den Arsch“ gerettet. Es sei ihnen gegönnt. Zumindest, solange die geltenden Regeln beachtet werden, was bei genauerem Hinsehen leider nicht immer vollumfänglich geschieht. Sicher mag die Situation am Alten Markt betriebswirtschaftlich positiv sein, für das Infektionsrisiko könnte man Zweifel hegen. Ganz abgesehen davon, dass es unsolidarisch ist, sich einen Wettbewerbsvorteil durch Missachtung der Coronaschutzverordnung zu verschaffen. Aber das (ggf. auch bußgeldbewehrt) einzuordnen ist Aufgabe der Ordnungsbehörden. Zudem sind es ja nicht nur einige Gastronomen, die sich nicht an Regeln halten, es sind ja auch Gäste, die sie nicht befolgen. Aber das ist ein anderes Thema, für das unser Platz hier und heute nicht ausreicht.

Im Gegensatz zum Alten Markt stellt sich die Situation auf der Waldhausener Straße zwar positiver als zuvor dar, aber trotzdem anders. So voll wie in Vor-Pandemiezeiten ist es nicht, auch wenn es mittlerweile wieder deutlich mehr Menschen auf die Mönchengladbacher Partymeile zieht und es an schönen Abenden gut gefüllt ist. Grund ist natürlich nicht die Wiedereröffnung der Clubs, denn diese sind nach wie vor für den Clubbetrieb geschlossen und liegen eigentlich im Sterben. Grund ist ein aufblühendes, neues außengastronomisches Angebot.

Vor dem Foormat stehen individuell angefertigte Holzmöbel, am Café del Bar sind es Hochtische, das Köntges hat ebenfalls Sitzgelegenheiten aufgestellt, am Sonnenberg, gegenüber des Dicken Turms, haben sich die Bar Plastique und das Goldwasser zusammengetan und bespielen das Areal mit stylischen Loungemöbeln wie auf Ibiza. Das AmeriCars hat eine kleine Außenterrasse eröffnet, vor dem Projekt 42 lädt die Kiezterrasse die Gäste zum Verweilen ein und auch das Tobago Bay und das Krümel haben Tische und Stühle vor der Türe stehen. Zählt man aber alle hier verfügbaren Plätze zusammen, kommt man in etwa auf das Potential des neuen Platzhirsches am Alten Markt, dem Café Extrablatt. Es ist also durchaus ein Lichtblick, aber einen Grund zu Jubeln hat keiner der Gastronomen.

Dass diese Außengastronomie auf der Waldhausener Straße in Art und Umfang so überhaupt möglich ist, ist mehreren Beteiligten zu verdanken, die da sind: Der Club der Wirte, die Stadtverwaltung und der Stadtteilkoordinator Marius Müller. Mehr Informationen hierzu finden Sie in den Infokästen auf der nächsten Seite. Nicht unerwähnt bleiben sollen natürlich auch die Initiative Altstadt mit all Ihren Partnern, die grundsätzlich an der positiven Altstadtentwicklung und -wandlung der letzten Jahre als Triebfedern maßgeblich beteiligt war und für viele der dort stattfindenden oder mittlerweile beheimateten Kunst- und Kulturprojekte und den Altstadtflohmarkt mit die Grundlagen geschaffen hat.

Altstadt auf, Clubs tot? Altstadt tot!

Allen Altstadtakteuren gemein ist das Bewusstsein, um die extrem kritische Situation der Mönchengladbacher Clubszene, die tatsächlich kurz vor dem Exitus steht. Eine Lösung, bei der ein Clubbetrieb wieder möglich ist, scheint jedoch in der aktuellen Krise und angesichts der sich verschlechternden Entwicklungen der Infektionszahlen in weite Ferne zu rücken. Vernünftig? Sicher! Aber eine Altstadt ohne Clubs ist nur schwer vorstellbar. Nein eigentlich undenkbar. Aus vielerlei Gründen. Zum einen wollen die Menschen feiern und tanzen. Das liegt in ihrer Natur und dazu will man nicht unbedingt nach Düsseldorf oder Köln (wobei es da wohl nicht anders aussehen wird). Zum anderen sind Clubs integraler Bestandteil der Kunst- und Kulturszene einer Stadt und zusammen mit einer funktionierenden Gastronomie einer der Hauptfaktoren urbaner Attraktivität und Lebensqualität. Was also tun, um sie zu retten?

Andreas Ochotta (Projekt 42). Foto: © privat
Andreas Ochotta (Projekt 42). Foto: © privat

Vielleicht hat Andreas Ochotta, Betreiber des Projekt 42 eine Idee, die zumindest einmal von allen Seiten beleuchtet werden sollte. Im Gespräch mit uns stellte er ein Konzept vor, das vom Stuttgarter Club Lehmann entwickelt wurde und eine Wiedereröffnung der Clubs in Coronazeiten ermöglichen könnte:

Das Stuttgarter Club-Konzept

Voraussetzung der Umsetzung sind regionale Infektionszahlen auf einem stabilen, niedrigen Niveau

Grundlage des Konzeptes sind:

  • ein Onlineticketsystem, dem jeder Club angeschlossen ist, der öffnen darf
  • eine behördlich festgelegte Höchstzahl an Gästen pro Club pro Öffnungstag
  • strikte, kontrollierte Buchungsregelungen die Gewährleistung der Nachverfolgung im Infektionsfall
  • eine spezielle, anzuschaffende Belüftungstechnologie

Für jeden Club wird von den zuständigen Behörden eine maximal zulässige Besucherzahl festgelegt. Es wird ein Online-Ticketsystem eingeführt über das zentral die Tickets für die angeschlossenen Clubs verkauft werden. Diese Tickets sind personalisiert und werden beim Einlass in den gebuchten Club mit dem Personalausweis abgeglichen. Ein Einlass ist nur mit dem online erworbenen Ticket, nur in dem gebuchten Club und nur am gebuchten Tag möglich. Abendkassen wird es nicht geben. Jeder Gast kann lediglich einen Clubbesuch pro Wochenende buchen. Eine weitere Buchung für einen anderen Club am selben Abend oder einem anderen Wochentag ist nicht möglich. Beim Verlassen des Clubs erhält der Gast einen Flyer mit Verhaltenshinweisen u.a. zum Auftreten von Symptomen und Coronatests.

Treten bei einem Gast innerhalb von einer Woche keine Symptome auf, kann erneut ein Ticket für einen Club für einen Wochentag gebucht werden. Vor Ablauf der Sperrfrist von 6 Tagen ist keine Buchung möglich. Das Onlineticketsystem verfügt über diverse Kontroll- und Sperrmöglichkeiten. So ist es z.B. möglich, Personen aus angrenzenden Kreisen oder Städten zu sperren, sollte es dort ein erhöhtes Infektionsaufkommen geben.

Im Infektionsfall sind die Gesundheitsbehörden durch die elektronische Registrierung in der Lage alle Betroffenen zu ermitteln und nachzuverfolgen. Das Online-Ticket-System kann – wenn gewünscht – auch alle betroffenen Clubbesucher über einen Infektionsvorfall informieren und dazu auffordern, in Quarantäne zu gehen und sich testen zu lassen. Auch der Zeitraum zwischen zwei Ticketbuchungen kann bei Bedarf auf größere Zeiträume, z.B. 2 Wochen, erhöht werden.

Das vollständige Originalkonzept des Club Lehmann kann man online unter folgendem Link einsehen:

https://www.fazemag.de/wp-content/uploads/ 2020/07/Cluböffnungen-Cov2-Pandemiebedingungen.pdf

Als Ergänzung des Konzeptes hat Andreas Ochotta noch spezielle Belüftungssysteme / Filteranlagen ins Spiel gebracht, die die Sicherheit der Besucher deutlich erhöhen würden.

Das Goldwasser wurde für den Betrieb als Bar umgebaut. Foto: © Marc Thiele
Das Goldwasser wurde für den Betrieb als Bar umgebaut. Foto: © Marc Thiele

Studien beweisen, dass diese Belüftungs-/Filtersysteme Aerosole des SARS-CoV-2 Virus zu 99,995% aus der Raumluft abscheiden (Quelle: Studie der Universität der Bundeswehr München zu Luftfiltersystemen, https://www.unibw.de/lrt7/raumluftreiniger).

Je 80m² Innenraum muss ein entsprechendes System installiert werden. Die hierfür notwendigen Anschaffungskosten könnten z.B. durch Fördermittel bereitgestellt werden, da die meisten Clubs durch die Zwangsschließung wohl eher nicht mehr über die notwendigen finanziellen Mittel verfügen dürften. Trotz dieses durchaus durchdachten Konzeptes überwiegt bei den Meisten, mit denen wir darüber gesprochen haben, ein ungutes Bauchgefühl aber es gibt weitere gewichtige Argumente, weshalb dieses Konzept zumindest gründlich geprüft werden sollte:

Private Feiern dürfen (derzeit noch) mit 150 Personen, ohne größere Reglementierung stattfinden. In Düsseldorf findet ein Großkonzert mit 13.000 Zuschauern statt. Die Bundesliga denkt laut über die Wiederzulassung von Zuschauern in den Stadien nach. Zudem wird längst gefeiert. Leider illegal und unkontrolliert. Private Partys und Raves finden überall und regelmäßig statt. In alten Fabriken, in Kellern, in Privathäusern und sogar in Wäldern. Ohne Einhaltung von irgendwelchen Regeln, ohne Kontaktlisten und damit ohne die Chance der Nachverfolgbarkeit im Infektionsfall. Eine Öffnung der Clubs würde diese Problematik weitestgehend eindämmen, wenn nicht gar größtenteils unterbinden und das Partyvolk wieder infektionsbezogen „einfangen“. Alleine das sollte schon eine Überprüfung der Machbarkeit des Konzeptes wert sein und irgendwo schuldet die Politik den Clubs dieses bisschen Achtung und Aufmerksamkeit.

Zusammengefasst bleibt ein durchwachsenes Bild der Situation der Altstadtgastronomie. Auf der einen Seite die saisonbedingten Verbesserungen bei Teilen der Betriebe, auf der anderen Seite pure Hoffnungslosigkeit.

Was aber passiert, wenn das gute Wetter vorbei ist, Regen, Schnee und Kälte kommen und die Außenterrassen nicht mehr frequentiert werden?

Eine Frage, die sich für alle Gastronomen der Stadt wohl oder übel stellen wird. Antworten kennen wir alle nicht, aber uns sollte klar sein, dass diese Krise noch nicht vorbei ist, dass die wirklich harten Zeiten vielleicht noch kommen und dass wir alle es in der Hand haben, die Situation unter Kontrolle zu halten und der Gastronomie eine Zukunft zu ermöglichen, wenn wir uns solidarisch und verantwortungsvoll an die Regeln und Schutzmaßnahmen halten – Abstand einhalten, Maske tragen, Hygieneregeln beachten aber auch konsequent handeln, wenn andere diese Regeln nicht einhalten.

Hauke Jakob (re.) und Marco Raspe (li.) vom Club der Wirte. Foto: © Marc Thiele
Hauke Jakob (re.) und Marco Raspe (li.) vom Club der Wirte. Foto: © Marc Thiele

Der „neue“ Club der Wirte

Wer den alten Club der Wirte kennt, wird sich heute verwundert die Augen reiben. Neid, Missgunst und Konkurrenzdenken sind dank neuer Mitglieder und neuer Impulse einer „Philosophie des Miteinanders für ein gemeinsames Ziel“ gewichen. Im Redaktionsgespräch mit uns skizzierten Hauke Jakob (Manamana) und Marco Raspe (Foormat) vom Club der Wirte dessen Wandlung:

„In den letzten Jahren hat sich der Club der Wirte grundlegend verändert“, so Jakob und Raspe. „Neue Mitglieder und die Situation der Altstadt haben ein Umdenken bewirkt, das mehr von einem Miteinander bestimmt wird. Der Club wurde sozusagen umstrukturiert und den einzelnen Mitgliedern wurden feste Aufgaben zugewiesen, Marketing, Pressearbeit, Eventplanungen, Finanzen etc. Das führte zu einer größeren Effizienz und einem besseren Gemeinschaftsgefühl. Die Mitglieder haben realisiert, dass man nur gemeinsam viel bewegen und zum Positiven verändern kann. Heute unterstützen wir uns gegenseitig, was vor allem in der aktuellen Krisensituation für alle von großem Vorteil ist, z.B. bei der Zusammenarbeit und Kooperation mit der Stadtverwaltung, bei coronabezogenen Regelungen und deren Umsetzung und sogar bei der Beantragung von Coronahilfen. Auch Projekte wie die Lampenschirme auf der Waldhausener Straße oder das Altstadtsommerfest wären ohne die Neuausrichtung des Clubs der Wirte schwer umsetzbar gewesen.

Das Foormat hat nun eine Außenterrasse mit hochwertigen, individuell angefertigten Holzmöbeln. Foto: © Marc Thiele
Das Foormat hat nun eine Außenterrasse mit hochwertigen, individuell angefertigten Holzmöbeln. Foto: © Marc Thiele

Die „neue“ Stadtverwaltung / das Ordnungs-/ bzw. Bauordnungsamt

Immer wieder wurde von allen Beteiligten, mit denen wir gesprochen haben, die Unterstützung, die neue Offenheit und die schnelle, unbürokratische Bearbeitung von Anliegen durch die Stadtverwaltung hervorgehoben, insbesondere durch das Ordnungs- bzw. Bauordnungsamt. Egal ob Sondernutzungen des öffentlichen Raumes wie zusätzliche Außengastronomieflächen, Regelungen der Gestaltungssatzung oder die zuvor schon erwähnte unbürokratische Umkonzessionierung von Clubs zu Schankwirtschaften. In der Verwaltung versucht man derzeit, alles möglich zu machen, was notwendig ist, um diese Krise durchzustehen und auch die Altstadt weiter voran zu bringen. Wenn das auch nach Corona Bestand hat, blickt die Mönchengladbacher Altstadt auf rosige Zeiten, zumindest was die Entwicklungsmöglichkeiten angeht.

Der Stadtteilkoordinator Marius Müller

Er steht laut eigener Aussage nicht gerne im Mittelpunkt und doch ist er oft das Bindeglied zwischen Verwaltung und Gastronomie / Altstadtaktiven. Ein Strippenzieher im Hintergrund, der querdenkt. Viele der in den letzten Jahren erfolgreich umgesetzten Projekte oder Ideen hat er zumindest mitentwickelt oder so in die Verwaltung eingespielt, dass sie realisiert werden konnten. Seine kreativen Auslegungen scheinbar starrer Vorschriften haben zum Beispiel Abwechslung in die einheitlich-langweilige Korbbestuhlung der Gastronomie gebracht und ermöglichen mehr Kreativität bei der Gestaltung von Außenbereichen. Man darf gespannt sein, was er in seiner „Amtszeit“ noch alles bewegt und mit anstößt

Zurück