Schwarz-weiß Portrait von Victoria Hay Schwarz-weiß Portrait von Victoria Hay
Foto: © Matthias Stutte
Victoria Hay, Mitglied des Ballettensembles des Theaters Krefeld-Mönchengladbach im Interview mit HINDENBURGER-Redakeurin Jessica Sindermann.
01.04.2021
Kunst + Kultur

Ohne Fleiß kein Preis

So trotzen die Tänzer des Theaters Krefeld Mönchengladbach der Pandemie!

Redaktion: Jessica Sindermann

Seit nun mehr als vier Monaten steht das kulturelle Leben in Mönchengladbach still und der leere Zuschauerraum des Theaters gilt beispielhaft als Symbol für diesen Stillstand. Vielfach wurde darüber debattiert, ob die Hygienekonzepte der Kultureinrichtungen den Schutz des Publikums nicht doch gewährleisten und Kultur als eine Form von Bildung nicht auch in Zeiten der Pandemie unverzichtbar ist. Erfolglos – Nicht nur Museen und Literaturhäuser mussten ihre Türen weiterhin geschlossen halten, sondern auch Theater. Doch wie kommen die Tänzer des Ensembles Krefeld Mönchengladbach durch die Krise? All das, was im Ballett so simpel und grazil aussieht und das Publikum begeistert, verlangt ihnen täglich harte Arbeit, eiserne Disziplin und Willenskraft ab. Sie müssen in Form bleiben, auch wenn das Theater den Spielbetrieb vorübergehend eingestellt hat: Victoria Hay, die seit 2010 ein fester Bestandteil des talentierten Ensembles ist und 2018 mit dem Theater-Oscar, einer großen, deutschen Tageszeitung, als beste Tänzerin ausgezeichnet wurde, erzählt im Interview, wie sie das schafft und wie sie und ihre Kolleg*innen die Situation meistern!

Hindenburger: Die Coronapandemie hat das kulturelle Leben in Mönchengladbach grundlegend verändert. Wie hat Sie das „Tanz-Verbot“ getroffen in den letzten Wochen und Monaten?

Victoria Hay: Zu Beginn der Pandemie als es den ersten 1. Lockdown gab, wusste ja niemand so richtig, wie es weiter geht und welche Auswirkungen der Virus noch haben würde. Ich habe dann angefangen, Zuhause viel Sport zu treiben und neue Hobbys zu entdecken – beispielsweise das Nähen von Masken.

Kurz vor der Sommerpause haben wir dann angefangen, in drei separaten Gruppen wieder zu trainieren. Die RED BOX hat uns genügend Platz geboten, um große Abstände einzuhalten. Auch nach der Sommerpause waren die Regeln und Vorschriften, unter denen wir arbeiten sollten, sehr streng und doch ging es langsam bergauf. Sogar unsere Vorstellung „Dis-Tanz“ durften wir geben und ich habe es sehr genossen, endlich wieder auf der Bühne zu stehen! Während des zweiten Lockdowns konnten unsere Vorstellungen dann teilweise coronabedingt nicht stattfinden und wir mussten Mitte Dezember zurück ins Homeoffice. Das war schon komisch..

Hindenburger: Was fehlt Ihnen am meisten?

Victoria Hay: Es gab Zeiten, in denen ich wenig zu tun hatte und mich unterfordert fühlte. Die Sorge, meine Technik würde sich verschlechtern und die Fitness nachlassen, war groß. Jetzt gerade tut das Theater aber alles Mögliche dafür, dass wir uns fit halten und so gut es eben geht, proben können – selbstverständlich mit Abstand. Dennoch fehlt es mir sehr, mit einem Partner zu arbeiten. Das geht aktuell aufgrund der Hygieneverordnungen leider nicht. Doch die veränderte Situation führt zu neuen, kreativen Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten! Einige meiner Kollegen setzen zurzeit zum Beispiel sehr interessante Videoprojekte um, bei denen auch ich mitwirken darf. Unter anderem Victoria Bröcker, die ein Solo für mich choreografiert hat, das in Zusammenarbeit mit Peter Issig für eine Online-Veröffentlichung auf YouTube gefilmt werden soll. Darauf freue ich mich sehr!

Hindenburger: Wie haben Sie sich Zuhause fit gehalten?

Victoria Hay: Wir hatten Pilateskurse mit Rossella Capriolo, einer Gastlehrerin und auch Balletttraining via Zoom mit unserem Chef Robert North, der die Übungen extra so konzipiert hat, dass wir wenig Platz dafür benötigen. Vom Theater haben wir sogar ein Stück Linoleum bekommen, was wirklich sinnvoll war, da der Boden Zuhause viel rutschiger ist als im Ballettsaal. Als Ballettstange habe ich dann einfach zwei Stühle verwendet. Doch natürlich war das längst nicht genug! Ich habe viel Verschiedenes ausprobiert, um in Form zu bleiben: Von Floor Barre Workout-Videos des Norwegischen Nationalballetts, dem effektiven Trainingsprogramm einer Tänzerin und Yogalehrerin auf Instagram über GYROKINESIS® -Übungen. Es war schön, nicht allein zu sein und ein bisschen angeleitet zu werden! Aber das ist bei jedem meiner Kolleg*innen ganz individuell, jeder hat eigene Trainingsmethoden entdeckt, um sich im Homeoffice fit zu halten.

Hindenburger: Wie funktioniert die Kommunikation innerhalb des Ensembles zu diesen Zeiten?

Victoria Hay: Selbst wenn wir inzwischen wieder in drei separaten Gruppen à 7-8 Leuten trainieren dürfen, um genügend Abstand zu gewährleisten und einer Quarantäne des gesamten Ensembles vorzubeugen, ist es natürlich anders als vorher. Wir sind insgesamt 22 Tänzer*innen und sehen einander normalerweise täglich. Durch die Gruppenaufteilung komme ich mit einigen meiner Kolleg*innen aktuell leider kaum zusammen und dennoch bin ich dankbar für die Trainingsmöglichkeit, die uns geboten wird. Einige Male haben wir uns via Zoom zusammengeschaltet, aber natürlich fehlt mir die normale Face-to-Face Kommunikation. Auch private Kontakte und Treffen meide ich zurzeit eher, um sicherzugehen, dass ich mich nicht mit dem Virus infiziere.

Hindenburger: Tanzen mit dem Virus: Was muss beim Training/ bei Proben zu Zeiten der Pandemie beachtet werden?

Victoria Hay: Im Ballettsaal des Theaters dürfen wir zurzeit leider nur sehr selten sein. Die RED BOX ist mit ausreichend Desinfektionsmittel ausgestattet, nur während des Trainings dürfen wir die Masken ausziehen und unser Tanzboden ist mit Quadraten beklebt, die uns signalisieren, in welchem Radius wir uns bewegen dürfen. An die großen Abstände haben wir uns inzwischen eigentlich schon gewöhnt und dürfen auch einige Diagonalen tanzen. Bei allem sind wir jedoch wirklich vorsichtig und geben Acht, dass wir einander nicht zu nahekommen. Zwischen den einzelnen Gruppen ist grundsätzlich eine Stunde Pause, in der gereinigt und gelüftet wird und die eine Gruppe das Studio verlassen kann. Erst danach darf die nächste Gruppe nachrücken. Unsere drei Gruppen sollen strikt getrennt voneinander trainieren und sich nicht über den Weg laufen, um eine eventuelle Ansteckung zu verhindern.

Hindenburger: Was bedeutet das „Tanzen mit Mindestabstand“ für neue Choreografien?

Victoria Hay: Auf jeden Fall ist unser Mindestabstand bei Choreografien viel größer als die üblichen 1,5 Meter. Anfangs waren es strenge 6 Meter. Inzwischen müssen wir während unserer Choreografien vier Meter Abstand voneinander halten und so müssen diese auch konzipiert werden. Das ist natürlich schwer für die, die choreografieren. Zum einen ist das natürlich unser Chef, Robert North, zum anderen dürfen momentan auch einige Tänzer choreografieren und selbst kreativ werden. Ich finde das ist eine tolle Lösung, um gleichzeitig drei Gruppen betreuen und mit neuen choreografischen Konzepten versorgen zu können! Mein Kollege Alessandro Borghesani hat beispielsweise aus der Coronasituation heraus die Idee für eine Choreografie entwickelt, bei der wir in einer U-bahn sitzen, mit Plexiglas, das uns voneinander trennt.

Hindenburger: Viele Theater proben ja eifrig weiter und haben fest vor, ihre Theateraufführungen weiterhin per Video anzubieten. Geht das beim Tanz auch? Haben Sie das bereits versucht?

Victoria Hay: Wir haben tatsächlich einige Szenen aus unserer neuen Vorstellung „Alles neu“ gefilmt und ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis. In diesem Moment hat es uns sehr viel Freude bereitet, weil wir tatsächlich das Gefühl hatten, dass wir für jemanden auftreten – obwohl niemand im Publikum war. Wir waren im Kostüm, mit Maske und haben wie sonst auch, alles gegeben. Daher fühlte es sich für uns trotzdem an, als wäre dort eine reale Vorstellung. Natürlich hoffen wir, dass wir diese Aufführung bald zeigen können! Wir proben hart und sobald wir wieder spielen dürfen, sind wir auf jeden Fall bereit!

Hindenburger: Liebe Frau Hay, herzlichen Dank für die interessanten Einblicke „hinter die Kulissen“!


Tickets für die neuen Vorstellungen
„Alles neu“, „Winterreise“ und „Während wir warten“
sind bereits online erhältlich unter www.theater-kr-mg.de.