Stadtleben
Torsten Knippertz
Januar 2012

Ist Stadionsprecher ein Traumberuf?
Wenn es ein Beruf wäre, schon, aber ich bin ja nicht hauptberuflich Stadionsprecher. Die gibt es zwar, aber die sprechen nicht nur im Stadion, sondern nehmen auch noch andere Aufgaben wahr.
Wie bist Du überhaupt Stadionsprecher geworden?
Ich bin mit dem Fahrrad am Stadion vorbeigefahren, da hat jemand gesagt, mach das doch – so kriegen ja alle ihre Jobs bei Borussia (schöne Grüße an Berti Vogts). Tatsächlich kam die Idee von einem meiner ehemaligen Mitbewohner, der in der Presse-Abteilung der Borussia gearbeitet hat. Damals hatte ich ja schon einige Radio-Erfahrung, bin Gladbacher und obendrein Borussia-Fan. Also habe ich mich beworben und nach einem dreiviertelstündigen Vorstellungsgespräch hatte ich es geschafft.
Worin liegt Deine persönliche Note?
Ich improvisiere sehr viel und bereite z. B. nur wenig geschriebenen Text vor. Leider rede ich manchmal etwas zu schnell, bei der nicht immer optimalen Akustik im Borussia-Park muss ich ein bisschen darauf achten, langsamer zu sprechen. Ich habe mal eine Lokomotive geschenkt bekommen, die mich daran erinnern soll.
Wie bereitest Du Dich auf die Heimspiele vor und pflegst Du einen Fußballaberglauben oder bestimmte Rituale vor dem Spiel?
Da ich mich sowieso für Fußball interessiere und Borussiafan bin, bekomme ich während der Woche durch die Medien schon sehr viel mit. Aber ich schaue mir vor den Spielen immer nochmal an, wie die Namen der gegnerischen Spieler ausgesprochen werden.
An Ritualen habe ich mittlerweile fast alles durch. Auf dem Bökelberg habe ich immer einen Pfennig neben dem Pfosten vergraben, im Nordpark war es dann ein Cent-Stück, bis der Platzwart ein Machtwort gesprochen hat. Eine Zeitlang habe ich immer, wenn wir einen Punkt geholt haben, beim nächsten Spiel wieder dieselbe Unterhose getragen; ich habe vor dem Spiel die Raute im Spielertunnel geküsst, dann habe ich darauf geachtet, morgens immer das gleiche Duschgel zu benutzen – ich glaube, ich habe fast alles versucht. Irgendwann habe ich gedacht, die Jungs stehen auf dem Platz und die müssen das richten, seitdem läuft‘s. Vielleicht ist es mein Ritual jetzt, keins zu haben.
Welches waren Deine peinlichsten und welches die schönsten Momente?
Als ich Rob Friend bei seiner Einwechslung als Torschützen angesagt habe und er dann tatsächlich
zwei Sekunden später ein Tor geschossen hat, das war supergenial. Aber das absolut geilste war das Relegationsspiel: Ich kann mich nur an ganz wenige Momente erinnern, bei denen so viele Emotionen im Spiel waren und das Tor von Igor de Camargo ansagen zu dürfen, war Wahnsinn. Man hatte das Gefühl, dass ganz Gladbach mitfiebert.
Wirklich unangenehm war, als mich mein Vorgänger Carsten Kramer 1999 in der Halbzeit seines letzten Spieles gegen St. Pauli angekündigt hat: Damals habe ich in Köln studiert, und Carsten stellte mich als Torsten aus Köln vor. Es kann sich ja jeder denken, wie die im Stadion reagiert haben. Das konnte ich in dem Moment auch nicht richtig stellen, aber im Laufe der Zeit konnte ich die Leute davon überzeugen, dass ich durch und durch Gladbacher bin.
Welche Aspekte der Fankultur gefallen Dir besonders?
Dieses mitten im Geschehen sein, zu leiden, sich zu freuen – diese Hochs und Tiefs hat man im alltäglichen Leben nicht so häufig, die gibt es dann beim Fußball. Ich mag auch gewisse Rivalitäten zwischen den Fans wie z. B. zwischen Köln und Gladbach, aber wenn das ganze in Hass umschlägt, hört es bei mir auf. Vor allem, wenn wie vor zwei Saisons Wasserwerfer vorm Stadion stehen. Was ich aber toll finde, ist, wenn aus der Kurve etwas neues entsteht. Einmal während eines richtig tollen Spiels haben alle in der Nordkurve angefangen, ihre Sachen hochzuwerfen, Schlüsselbunde und Schals oder so. Solche spontanen Aktionen finde ich genial.
Wie sehr beeinflusst der Sprecher die Stimmung im Stadion?
Ich glaube, dass man zumindest auf die positive Stimmung nicht so viel Einfluss hat, das zeigt mir auch die laufende Saison. Früher war ich manchmal etwas von der Stimmung im Borussia-Park enttäuscht. Vielleicht war ich nach den Bökelberg-Zeiten auch ein bisschen verwöhnt, aber seit dem Relegationsspiel und seit die Mannschaft eine so gute Leistung zeigt, ist die Stimmung im Borussia-Park großartig. Ich glaube, dass zuerst auf dem Rasen gut gespielt werden muss, das überträgt sich dann auch auf die Ränge. Da kann ich eigentlich wenig machen, sondern einfach so sein wie ich bin und mich enthusiastisch auf das Spiel freuen. Aber ich glaube, dass man deeskalieren kann. Wenn Du z. B. gegen den 1. FC auf die Kurve zugehst und dir gefühlte 5.000 Mittelfinger entgegenspringen und dann Feuerzeuge, Mandarinen und was weiß ich an einem vorbeifliegen, da hätte ich eigentlich gerne gesagt: „Leute, wenn Eure Stürmer genauso treffen, habe ich überhaupt keine Angst.“ Das habe ich aber gelassen, weil das die Sicherheitskräfte im Stadion tatsächlich vor Probleme gestellt hätte. Insofern kann man durchaus deeskalierend wirken, indem man manche Dinge nicht sagt.
Ist die Arbeitsatmosphäre im Nordpark eine andere als auf dem Bökelberg?
Die Atmosphäre ist schon deswegen anders, weil der Fußball und das Publikum sich verändert haben. Auf dem Bökelberg haben die Fußball-Fans überwogen. Mittlerweile kommen mehr Familien und ein Event-Publikum, das unterhalten werden möchte. Auch die Jobs sind nicht mehr zu vergleichen. Früher habe ich genau wie Rolf Göttel die Werbetexte vom Klemmbrett vorgelesen und das Spiel habe ich noch von einer Kabine unter dem Dach verfolgt. Mittlerweile arbeitet man mehr wie ein Stadion-Moderator. Du hast zwei Kamerateams dabei, es wird alles auf Video-Leinwände übertragen, du hast einen Knopf im Ohr für die Regieanweisungen und einen minutengenauen Ablauf-Plan. Früher war das Arbeiten ein bisschen freier, dafür bin ich jetzt am Spielfeldrand hautnah dabei.
Was wäre Deine Traumbegegnung, die Du gerne als Sprecher begleiten würdest?
Die Revanche Gladbach gegen Inter Mailand. Da würde ich eine Cola-Büchse mitnehmen. Oder ein Spiel gegen Liverpool in einem internationalen Wettbewerb.
Welche Projekte waren oder sind in Deiner Schauspieler- und Moderatorenlaufbahn bisher die Interessantesten?
Ein bühnenmäßiges Highlight war das letzte Projekt am Schauspiel Essen: Bei „Balls – Fußball ist unser Leben“ ging es um Fußball und die Liebe zum Fußball. Anfangs war ich etwas skeptisch, ob sich das Phänomen Fußball über die Theaterbühne transportieren lässt, aber es lief hammermäßig und hat sehr viel Spaß gemacht. Die Vorstellungen waren fast immer ausverkauft und im Theater waren sowohl Fußball-Fans, die sonst nie ins Theater gehen, als auch Theatergänger, die normalerweise nicht mit Fußball in Berührung kommen. Vor der Kamera war die Zusammenarbeit mit Spike Lee für „Buffalo Soldiers“ ein Höhepunkt, da haben wir sechs Wochen völlig isoliert auf einem Berg in Italien verbracht, ohne Handy und Computer, Lee wollte uns ansatzweise vermitteln, wie man sich als Soldat fühlt. Dazu war es natürlich immer noch zu komfortabel, aber wir haben nach ein paar Wochen tatsächlich ein gewisses Gemeinschaftsgefühl entwickelt. Leider wurden fast alle der 20 deutschen Schauspieler, die Nazis darstellen sollten, rausgeschnitten, aber die Erfahrung war trotzdem spannend.
Bei N-TV habe ich bisher eine kleine Rubrik, in der ich Sachen teste, die keiner wirklich braucht, wie tanzende mp3-Player und Cross-Trainer, mit denen man draußen herumfahren kann. Ab dem nächsten Jahr werde ich ein zusätzliches Format „Knippertz Extrem“ moderieren und da auch mal einen Parabel-Flug und solche Dinge machen. Darauf freue ich mich schon.
Gibt es zum Karneval 2012 wieder einen Hit mit Deiner Band „Knippi & de Jünters“?
Ja, der wird „Elferrat“ heißen. Außerdem haben wir noch einen Song, „Wenn Du ein Mädchen wärst, VfL“, den gibt es schon seit fast zweieinhalb Jahren, der wird erstmals bei der Karnevalssitzung der Borussia öffentlich gespielt.
Deine liebste Fußballphrase?
Frei nach Lothar Matthäus: „Niemals den Sand in den Kopf stecken.“



