Stadtleben
Das städtische Arbeiterinnenheim
Februar 2012

Die Industrialisierung führte im 19. Jahrhundert zu einem starken Anwachsen der Stadt Gladbach. Arbeitskräfte aus dem Umland, aber auch aus entfernten Gebieten, zogen hierher. In der Textil- und Bekleidungsindustrie wurden dabei junge Frauen eingestellt, die im Unterschied zum Handwerk oder bei Einstellung in einem Haushalt nun ohne einen sie stützenden Familienverband in der fremden Stadt auf sich gestellt waren.
Um diese Frauen aufzufangen, richtete Kaplan Liesen Ende 1866 ein Hospiz im Schatten der Hauptpfarrkirche ein. Schnell war dieses zu klein und es erfolgte eine Verlagerung an die Albertusstraße. Seit 1868 stand hier auf dem heutigen Grundstück der Caritas ein Heim für rund 80 Arbeiterinnen, die hier nicht nur wohnten und verpflegt wurden, sondern denen auch Ausbildungsangebote offeriert wurden.
Auch die Evangelische Kirche reagierte und nahm alleinstehende Arbeiterinnen zur Logis und sozialen Einbindung in das Haus Zoar auf. Hier wollte nach 1900 die Stadt nicht zurückstehen und errichtete ebenfalls ein Wohnheim für ledige Arbeiterinnen an der Paulstraße. Dieses wurde am 15. August 1907 seiner Bestimmung übergeben.
Der dreistöckige Bau bestand aus einem Mittelbau und zwei Flügeln. Im Erdgeschoss des Mittelbaus lag der große Speisesaal, dem sich ein Lesezimmer anschloss. Dieses Zimmer lag etwas höher und war durch große Türen mit dem Speisesaal verbunden, so dass es auch als Bühne genutzt werden konnte. Im Erdgeschoss des rechten Flügels lagen die Wohnung des Verwalters sowie die Küche und sonstige Wirtschaftsräume. Der linke Flügel sowie die beiden Obergeschosse waren als Schlafsäle ausgelegt. Jeder Schlafraum hatte eigene Waschräume und Aborte, im zweiten Stock des Mittelbaus gab es zusätzlich Einzelkabinen mit Wannenbädern oder Brausen.
Gegen ein niedrig gehaltenes Entgelt konnten ledige Arbeiterinnen hier wohnen, wurden verpflegt und ihre Wäsche gewaschen. Daneben konnten sie am kulturellen Angebot des Heims teilnehmen, was schnell auch für Auswärtige möglich war.
Die Einrichtung des städtischen Heims fiel in einen konjunkturellen Abschwung, so dass es nie ganz ausgelastet war. Auch zogen die jungen Frauen Einzelzimmer oder kleinere Wohneinheiten vor, welche das Heim nicht bieten konnte. Der Versuch, mittels Umbau auch kleinere Zimmer statt Schlafsäle zu bieten, erhöhte die Anzahl die Bewohnerinnen nicht hinreichend, so dass das Heim bereits 1911 wieder geschlossen wurde.
Auch die beiden kirchlichen Einrichtungen hatten durchaus ihre Probleme, genug Bewohnerinnen zu finden, so dass sie zunehmend kaufmännische Angestellte und Schülerinnen der Gewerbeschule oder sonstiger höherer Bildungseinrichtungen aufnahmen. Das Gebäude an der Paulstraße erfuhr noch eine Reihe von Umnutzungen. Bereits vor dem Ersten Weltkrieg eröffnete hier eine Zweigstelle der Sparkasse und ein Teil der Räume wurde zur Ausstellung von Handwerksprodukten genutzt. Auch dienten die Räume als Wohnungen. Ende der 20er-Jahre war hier die Erste Polizeibereitschaft untergebracht, seit Mitte der 30er-Jahre verschiedene städtische Ämter im Wechsel, bis das Haus im Krieg zerstört wurde.



