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Bernd Gothe

Februar 2012

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Woher rührt Ihr Interesse für den Karneval und die Belange der Stadt?
Mein Interesse, in Mönchengladbach etwas zu bewegen, war schon in jungen Jahren gegeben und ich habe mich frühzeitig mit Politik beschäftigt. In Alt-Rheydt war ich mit einer kleinen Mannschaft in der FDP kommunalpolitisch aktiv und auch im Landesverband NRW für die Partei tätig. Irgendwann hat mein Vater mich vor die Alternative Familienbetrieb oder Politik gestellt. Meine Entscheidung, nach dem Studium in die Firma einzusteigen, habe ich nie bereut.
In Sachen Karneval bin ich ein Spätberufener. Als ich 1985 Prinz in dieser Stadt wurde, war ich schon 45 Jahre alt und Mitglied einer Karnevalsgesellschaft, aber bis dahin bin ich nie im Vorstand einer Gesellschaft gewesen. Nachdem im so genannten Karnevalsprozess 1987 der damalige vorsitzende Geschäftsführer wegen unrechtmäßiger Finanztransaktionen verurteilt worden war, war der Karneval in dieser Stadt im Prinzip führungslos. Als man über die Nachfolge nachdachte, war es für die Gladbacher Gesellschaften zunächst nur schwer vorstellbar, einen Rheydter zum Chef des gesamtstädtischen Karnevals zu machen. Ich habe mich dazu bereit erklärt, weil es mich reizt, etwas so zu organisieren, dass es läuft, ein funktionierendes System braucht mich nicht.

Ist Karneval ein Wirtschaftsfaktor und welche Marketingchancen bietet er für Unternehmen?
Karneval war immer schon ein Wirtschaftsfaktor: Viele Leute vom Taxifahrer bis zum Gastronomen verdienen mit dem Karneval Geld. Die Unternehmer können sich beim Veilchendienstagszug vor vielen Menschen präsentieren und in unserem Halt-Pohl-Journal werben. Mittlerweile vermarkten wir auch Veranstaltungen und arbeiten mit Sponsoren zusammen. Wir bieten der Wirtschaft also komplette Pakete an.

Wie finanziert sich der Veilchendienstagszug?
Einen großen Teil der Kosten bringt der „Freundeskreis Mönchengladbacher Karneval“ auf und ein weiterer Teil wird aus Spenden bestritten. Das ist natürlich mit viel Lauferei verbunden. Einen städtischen Zuschuss gibt es nicht. Die Teilnehmer beteiligen sich an den Kosten für die Musik, den Sanitätsdienst, die TÜV-Abnahme etc. Natürlich vermarkten wir den Zugweg und die drei Tribünen. Außerdem haben wir Werbeverträge und erwirtschaften Einnahmen aus dem Halt-Pohl-Journal. Air Berlin macht einen fantastischen Wagen, der fährt nicht umsonst. Seit dem letzten Jahr sammeln wir auch während des Zuges kleinere Beträge.

Wer denkt sich das Motto des Veilchendienstagszugs aus?
Früher haben wir in der Presse dazu aufgerufen, Vorschläge zu machen und auf unserer Klausurtagung daraus ausgewählt. Seit einigen Jahren ist es eher so, dass sich im Laufe des Jahres eine Idee entwickelt, die dann auf der Klausurtagung besprochen wird. Das aktuelle Motto „Ich fahr‘ ab auf Mönchengladbach“ ist im Grunde zweigeteilt: Auf jemanden oder etwas abzufahren, das man gerne hat, ist zum einen eine geläufige Redewendung, zum anderen betont dieses Motto die Bedeutung Mönchengladbachs als Logistikstandort. Wir haben mit den hier ansässigen Logistik-Unternehmen einen Werbevertrag abgeschlossen, die bauen einen Wagen und unterstützen uns auch finanziell. Diese Idee ist mir irgendwann mal zwischendurch eingefallen, auch wenn einige aus dem Vorstand lieber ein lustigeres oder karnevalistischeres Motto hätten.

Wie war die Resonanz auf Ihre Idee, das Motto an Unternehmen zu vermarkten?
Seit ich diese Idee publik gemacht habe, ist sie bundesweit ins Gespräch gekommen und ich bin davon überzeugt, dass sie langfristig auch für andere Städte interessant ist. Aber es muss passen. So viele geeignete Produkte wird es hier nicht geben, zumal in Mönchengladbach nur wenige Großunternehmen für Konsumgüter angesiedelt sind. Aber die bisherige Zusammenarbeit mit den Unternehmern – schon im vergangenen Jahr zum Motto „Karneval hält fit“ – ist sehr erfolgreich. Wir werden uns auch in Zukunft um solche Partner bemühen.

Weshalb ist die Tradition des Karnevals heute noch wichtig?
Der Karneval hat sich verändert. Ich beziehe ihn nicht immer auf Brauchtum und sage, wir feiern das, weil wir es schon seit 185 Jahren tun. Heute ist Karneval mehr ein Ventil um auszugehen, etwas anderes zu erleben und für einige Zeit Spaß zu haben. Der Anreiz war natürlich größer, als es noch kein Fernsehen gab. Heute haben wir eher damit zu kämpfen, dass die Fernsehanstalten gerne und viel Karneval zeigen, weil es billig ist. Deswegen haben wir auch nach neuen Ideen gesucht und die Programme angepasst, um den Menschen zu zeigen, dass es nach wie vor interessant ist, eine Gemeinschaft zu bilden und auch gemeinschaftlich zu feiern. Die Veranstaltungen müssen ein so breites Spektrum abdecken, dass sie sowohl für junge Menschen als auch für Senioren attraktiv sind.

Wie begegnen Sie denjenigen, die Karneval ausschließlich als Gelegenheit missverstehen, „die Sau rauszulassen“?
Laut den Polizeiberichten sind wir ganz gut aufgestellt und kennen die neuralgischen Punkte, an denen es schon Probleme gegeben hat. Es geht auch um unsere Vorbildfunktion auf dem Veilchendienstagszug und bei den Fußgruppen. Darum habe ich vor einigen Jahren ein Alkoholflaschenverbot durchgesetzt. Man kann was trinken, aber in Maßen und nicht aus Flaschen. Jeder Zugteilnehmer erhält einen Katalog mit Verhaltensregeln. Außerdem stellen wir Posten auf, die genau auf alkoholisierte Leute achten und haben auch schon Leute aus dem Zug rausgenommen.
Ich bin der größte Feind dieses Komasaufens. Alkoholisiert zu sein, kann ja nicht das Ziel sein. Es ist aber auch unsere Aufgabe, darauf hinzuweisen. Die einzige Chance liegt in einem offenen Umgang: Ich geb‘ lieber jemandem ein Glas Bier aus und spreche mit ihm über dieses Problem, wenn er eins hat, als über die Leute zu schimpfen. Mein stellvertretender Vorsitzender ist einmal während des Zuges vom Wagen heruntergegangen und hat sich in einen Eklat zwischen alkoholisierten Jugendlichen eingemischt, deretwegen der Zug nicht weiterfahren konnte. Mein Vize hat mit ihnen geredet und gesagt, dass es so nicht weiterginge. So etwas bringt mehr, als wenn die umstehenden Personen davor die Augen verschließen.

Wie sehen Sie die Nachwuchssituation bei den Karnevalsgesellschaften?
Was Jugendliche und besonders Kinder zwischen sechs und 15 angeht, sind wir hervorragend aufgestellt und für die Kinderprinzengarde haben wir mehr Anfragen als wir erfüllen können. Wir haben heute mehr als 500 Jugendliche in den Tanzgruppen. Problematischer ist die Altersgruppe zwischen 18 und 30, von denen ein Großteil erst später wieder zum Karneval zurückkehrt. Nicht jede Gesellschaft hat eine eigene Garde und kann die jungen Leute aus den Jugendgruppen direkt integrieren. Das heißt, sie müssen, wenn sie aktiv mitwirken wollen, in eine andere Gesellschaft gehen. Deswegen sind unsere Gardegesellschaften auch verhältnismäßig groß. Die große Rheydter Prinzengarde z. B. ist mit 750 Mitgliedern eine der größten Gesellschaften Deutschlands. Einzelne Gesellschaften werden immer gewisse Nachwuchssorgen haben, aber die gibt es nicht nur im Karneval.

Das Interview führten Sascha Broich und Natascha Oberste (Text).Welche karnevalistischen Höhepunkte erwarten uns im Februar?
Neben dem Veilchendienstagszug haben wir die Rathauserstürmung am Rosenmontag und an Altweiber viele Außenveranstaltungen in den einzelnen Stadtteilen. Mittlerweile gibt es etliche Partys mit moderner Musik wie die „FUNtastische Nacht“ in Holt und viele der ortsansässigen Kapellen machen mittlerweile auch Karnevalsveranstaltungen, da ist für jeden etwas dabei, auch wenn man keine Karnevalsmusik mag. In der Jahnhalle gibt es am Karnevalssamstag den Rutsch in den Karneval. Wer feiern will, muss nicht auf den Altweiberdonnerstag warten, da gibt es bei den einzelnen Gesellschaften schon vorher genug Gelegenheiten. Zudem haben wir hier die größten Damensitzungen im rheinischen Karneval. Wir selbst wären sehr stolz, wenn wir beim Veilchendienstagszug wieder wie im letzten Jahr über 400.000 Besucher erreichen würden. Damit sind wir unter den fünf größten Karnevalszügen Deutschlands.

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