Magazin
Totalausfall in der Wulffschanze
Februar 2012

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger.“ Pünktlich zum 50. Jahrestag dieses peinlichen, aber gefälschten, Zitats von Bundespräsident Heinrich Lübke haben wir endlich wieder einen Ersten Mann im Staate, der sich auf dem großen Parkett der Diplomatie auskennt wie kein Zweiter. Als Christian Wullf 2010 drohte, sich in die Bundespolitik einzumischen und – wie manch anderer Politiker – plötzlich als potenzieller Kanzlerkandidat gesehen wurde, fiel auch er Merkels großer Wegbeförderungswelle zum Opfer und wurde Bundespräsident. Heute fragt sich die Kanzlerin, ob nicht auch ein hochbezahlter EU-Posten gereicht hätte, um den Mann endlich aus der Gefahrenzone zu schaffen. Aber nein, es musste ja gleich der beste und vermeintlich unauffälligste Job Deutschlands sein: Man verleiht Bundesver-dienstkreuze, empfängt Sternsinger und lädt zu Geburtstagsessen im schönen Schloss Bellevue zu Ehren verdienter Ex-Politiker, wie Klaus Kinkel, ein. Eigentlich kann man dabei nichts falsch machen, es sei denn, man hat unfähige und bestechliche Berater, die einem die Fettnäpfchen auf den roten Teppich stellen.
Gleich zu Anfang seiner fragwürdigen Karriere sorgte Wulffs Mitgliedschaft im Verein „Pro Christ“ für viel zu leise mediale Aufmerksamkeit. Wie erklärt ein Bundespräsident seine Tätigkeit im Kuratorium eines am äußersten rechten Rand des Protestantismus stehenden Vereins, der Ehescheidungen und Abtreibungen rigoros ablehnt und Schwule als heilbar Kranke ansieht? Scheidungsopfer Wulff erklärt nichts und stellt seine Mitgliedschaft während der Amtszeit ruhend – wohlgemerkt: Auf einen Austritt und eine Distanzierung von solchen Grundrechtsgegnern wartet man bislang immer noch vergebens. Nun, meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Homosexuelle, schauen Sie sich doch einmal an, welche hochrangige Bundesprominenz diesem erzkonservativen Missionierungstrupp angehört. Da muss doch was Wahres dran sein.
Als kleines Kind habe ich mich immer gefragt, ob Bundespräsident Walter Scheel seine Einkäufe im Supermarkt bezahlen muss, schließlich war er doch so etwas wie der König Westdeutschlands, und ein König zahlt nicht, er nimmt. Das kannte ich von meinen Märchenschallplatten. Ein paar Jahrzehnte später weiß ich: Meine Vermutung schien zu stimmen und bewahrheitet sich bis heute. Was soll dieses ganze neuzeitliche Gequatsche über unrecht-mäßige Vorteilsnahme? Es ist doch völlig normal, dass ein Staatsoberhaupt bei Freunden übernachtet, im Flugzeug ein paar Reihen weiter nach vorne gebeten wird, günstige Kredite erhält und Werbekampagnen für seine Buchveröffentlichung bezahlt bekommt. So kennen wir es doch auch von anderen Staatsoberhäuptern oder denken Sie, dass der in scharfer Kritik stehende Emir von Kuwait seine Dienstfahrten korrekt abrechnet? Als Wulff im Dezember den umstrittenen Scheich in seinem Golf-Emirat besuchte, stellte sich jeder die Frage, ob man so einem korrupten Lügner überhaupt die Hand geben dürfe. Das fragte sich auch der Emir, tat es aber trotzdem.
Der arme, in Kriegsmetaphorik bewanderte Leitwulff fühlt sich wie in Stahlgewittern, die von der Bild-Zeitung, die den Rubikon überschritten hat, auf ihn einprasseln. Da darf man als Bundespräsident schon mal ausrasten und dem blöden Pressefuzzi zeigen, wo der Hammer hängt. Wie blöd muss man aber sein, so einen peinlichen Sermon auf einer Mailbox der Bild-Zeitung zu hinterlassen? Dann dieses unsägliche Fernsehinterview: Ein Milchbubi auf dem heißen Stuhl. Das hatte Deutschland noch nicht gesehen – der Präsident rechtfertigt sich scheibchenweise und bemüht sich um eine ähnlich rückhaltlose Aufklärung wie Ex-Schleimbeutel zu Guttenberg. Heraus kam dabei nur heißer Stuhl: Alten Freunden gibt man ein Küsschen, oder auch zwei, die eigene Patchwork-Familie wird von den bösen Medien verunglimpft, bei Ziehvätern hat man höchstens Ehrenschulden und überhaupt ist das alles ja gar nicht so schlimm. Spätestens danach ist jede Rücktrittsforderung mehr als berechtigt, fragt sich nur, wie lange die Wulffschanze noch gehalten werden kann.
Eins ist klar: Wenn Wullf so weiter macht und immer neue Fehltritte ans Tageslicht kommen, wenn er weiterhin Rückhalt aus der Politik bekommt und an seinem Stuhl klammert, schädigt er das Amt auf unerhörte Weise. Dann können wir uns irgendwann auch einen Horst Schlämmer („isch kandidiere“) als Bundespräsidenten leisten. Wenigstens wäre er ein Sympathieträger mit Bodenkontakt, der das Amt zum jetzigen Zeitpunkt deutlich besser ausfüllen würde.



