Magazin
Migräne mit Schleifchen
Januar 2012

Lebkuchen. Reden wir über Lebkuchen. Natürlich - ich würde auch lieber über etwas anderes sprechen. Über ein gutes Buch zum Beispiel. Oder über eine Rolex. Die mit den vielen hübschen kleinen Diamanten außen drum herum. Oder über dieses hübsche Tiffany Armband. Darüber würde ich sogar wirklich sehr sehr gerne reden. Kann ich aber nicht, weil der Postmann zu Weihnachten ständig Lebkuchendosen an meiner Türe abgibt, aber niemals etwas von Rolex oder Tiffany bringt. Hin und wieder bekomme ich Heinemann-Pralinen, manchmal ein Päckchen Mozartkugeln. Zu 80 Prozent aber bekomme ich Lebkuchen in Dosen mit Abbildungen von Straßenszenen aus dem frühen 18. Jahrhundert, die zu hässlich als Deko und zu sperrig für den Hausmüll sind. Wer denkt sich sowas aus?
In diesem Jahr besitze ich tatsächlich erstmals mehr Lebkuchendosen als Haargummis, Nagellackfarben und Schuhe zusammen, und das, obwohl ich alle Zalando-Gutscheine regelmäßig einlöse. Ich verstehe das nicht. Niemals habe ich auch nur im Entferntesten eine Andeutung gemacht, dass ich Lebkuchen mag. Niemals. Lebkuchen sehen, selbst wenn sie frisch sind, schon alt und staubig aus. Außerdem kleben sie am Gaumen. Bis vor ein paar Jahren habe ich meine gesammelten Lebkuchenvorräte Gästen zum Kaffee vorgesetzt. In guten Zeiten bin ich so an einem Nachmittag locker drei bis vier Packungen losgeworden. Mittlerweile essen die meisten nur noch ein bis zwei Stück, wegen der Figur. Die fetten Jahre sind vorbei. Jetzt picken sie wie die Vögelchen – aber raten Sie mal, was in beinahe 75 Prozent aller Fälle als Geschenk für mich, die Gastgeberin, mitgebracht wird. Genau. Lebkuchen.
Alternativ bekomme ich allerhöchstens Rotwein. Rotwein in schweren splittrigen Holzkisten mit Schleifen drum. Aaahh – Rotwein – Ohhhh! denken Sie jetzt. Das ist doch ein tolles Geschenk. Also gut – Rotwein. Reden wir über Rotwein. Über Rotwein wurden bereits Lieder gesungen, Trilogien verfasst und Bildbände produziert; in seinem Rausch wurden Kinder gezeugt und Morde begangen. Es gibt sogar eine eigene Wissenschaft, die sich nur mit dem Thema Wein beschäftigt. Die Önologie. Was allerdings anscheinend sowohl die Önologen als auch meine Bekannten bisher nur unzureichend erforscht haben: Nicht jeder trinkt Rotwein. Ich zum Beispiel bekomme schon von einem halben Glas Rotwein Migräne. Mir eine teure Flasche Rotwein zu schenken ist in etwa wie Charlotte Roche den neuen Knigge unter den Baum zu legen. Ich kann zwar in einem Bruchteil von Sekunden einen 529 Graphite Chanel-Nagellack von einem 525 Quartz unterscheiden, sehe aber bei einem Wein kein „intensives Rubinrot mit Purpur-Nuancen“, so sehr ich mich auch bemühe. Ich schmecke oder rieche auch kein „Gleichgewicht zwischen Frucht- und Gewürznoten, unterstützt durch einen soliden samtigen Körper“. Mal ehrlich – so eine Aussage weckt doch bei einem normalen Menschen im Allgemeinen ganz andere Assoziationen. Was ich sehe ist: Alkohol. Was ich rieche ist:
Alkohol. Was ich bekomme ist: Migräne.
Und noch eine Sache: Bitte schenken Sie mir niemals Kerzen, Tassen mit weihnachtlichen Motiven oder selbstgebastelte Gutscheine. Sie wissen schon, diese auf dem Farbdrucker zu Hause ausgedruckten (Cyan war fast leer) und in Word Art verfassten Gutscheine für irgendwas. An diesen Gutscheinen sieht man lediglich wie die Zeit mit einem vergeht. Ich habe heute noch einen Gutschein für einen Abend frei trinken in der Altstadt mit anschließendem Döner von meinem achtzehnten Geburtstag und den letztjährigen Theatergutschein für Samstagabend mit „anschließend einem guten Glas Wein“. Ha! Sehen Sie, was ich meine? Dabei ist es eigentlich so einfach, mir eine Freude zu machen. Ich brauche keine großen Dosen aus Nürnberg im Schrank oder gewichtige Holzkisten im Keller. Ich freue mich auch über kleine Dinge. Zumindest solange sie türkis verpackt sind und am Finger glitzern.



