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Mysterium Migräne

Februar 2012

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Von schätzungsweise acht Millionen Menschen, die in Deutschland an Migräne leiden, kennt nur jeder zweite Betroffene den Grund für seine regelmäßig wiederkehrenden Kopfschmerzattacken. Wir sprachen mit Professor Dr. med. Jean Haan, Chefarzt der Neurologischen Klinik im Franziskushaus, über das Rätselhafte und Undurchschaubare an der Erkrankung.

Früher machte man böse Geister und Dämonen für die pulsierenden, pochenden Schmerzen verantwortlich. Um diese aus dem Kopf des Patienten entweichen zu lassen und ihm damit Linderung zu verschaffen, öffnete man mit Steinwerkzeugen seine Schädeldecke. Archäologische Funde belegen, dass mehr als die Hälfte der Patienten die so genannte Trepanation, die bis ins 17. Jahrhundert praktiziert wurde, überlebten. Über die Erfolgsquote ist aber nichts bekannt.

Heute weiß man, dass die Migräne eine komplexe neurologische Erkrankung ist. Vermutet wird, dass sich das Gehirn in bestimmten Situationen selbst mit Nervenbotenstoffen überflutet. Um diese wieder loszuwerden, wird eine Entzündungsreaktion ausgelöst. Jede Bewegung, jedes Geräusch, jeder Lichtstrahl wird zur Qual. „Die entzündeten Blutgefäße werden immer schmerzempfindlicher bis selbst der Pulsschlag wie ein Hammer gegen die Gefäßwände zu donnern scheint, als spüre man das Blut durch die Adern pulsieren“, beschreibt Haan. „Was sich aber genau bei einer Migräneattacke im Kopf abspielt und warum der Schmerz plötzlich wieder aufhört, ist noch nicht eindeutig geklärt.“

Bei 70 Prozent der Patienten dröhnt der Schmerz nur in einer Kopfhälfte. Daher rührt auch der Name „Migräne“, der ins Altgriechische übersetzt „halber Kopf“ bedeutet. Begleitet werden die Schmerzen, die bis zu 72 Stunden andauern können, häufig von Symp-tomen wie Übelkeit, Erbrechen, Frösteln, Licht-, Geräuschs- und Geruchsempfindlichkeit. Viele wissen schon vorher, dass etwas nicht stimmt. Vorboten können Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, depressive Verstimmungen oder ungewohnt starker Heißhunger auf Süßigkeiten sein. In manchen Fällen geht dem Migräneanfall auch eine so genannte Aura voraus. „Hierbei treten insbesondere visuelle und sensible Wahrnehmungsstörungen wie Lichtblitze oder Defekte im Gesichtsfeld oder Kribbeln in Gliedmaßen auf. Auch Geruchs- und Geschmacksempfindungen können vorkommen", erklärt der Neurologe.

Sie hat mal wieder Migräne

Vor noch nicht allzu langer Zeit war die Migräne, die in der Regel vor dem 30. Lebensjahr auftritt, selbst bei Medizinern nicht als Erkrankung, sondern als Einbildung weiblicher Hysterie oder Ausrede bekannt. Dabei leiden zwar überwiegend Frauen (18 Prozent) unter den Kopfschmerzattacken, aber immerhin auch sechs Prozent der deutschen Männer. Im Kindesalter sind sogar mehr Jungen als Mädchen betroffen. Doch mit der Pubertät wendet sich das Blatt. „Frauen unterliegen stärkeren Hormonschwankungen, die bestimmte Auslöser wie Stress begünstigen oder aber selbst zum Auslöser werden“, begründet der Professor. „Dies ist auch ein Grund, warum bei den meisten Frauen die Migräne in der Menopause aufhört.“

„Das Risiko, an Migräne zu erkranken, tragen viele Geplagte bereits in ihren Genen“, sagt Haan. „Migräne ist keine Erbkrankheit, bei vielen besteht jedoch eine familiäre Vorbelastung.“ Die Liste der möglichen Auslöser, der so genannten Trigger ist lang und individuell sehr verschieden. So können beispielsweise Stress, emotionale Belastungen, hormonelle Schwankungen, Wetterumschwung, zu wenig oder zu viel Schlaf, Nikotin und Alkohol, bestimmte Nahrungsmittel wie Käse, Schokolade, Zitrusfrüchte oder Glutamat sowie Medikamente (z. B. gegen Bluthochdruck oder Allergien) Migräneattacken hervorrufen.

Führen Sie ein Migräne-Tagebuch

Es gibt keinen Reagenzglas-Test, um eine Migräne zu diagnostizieren. Der Arzt stellt die Diagnose vielmehr aufgrund eines ausführlichen Gesprächs mit dem Patienten. Deshalb ist es ratsam, ein Migräne-Tagebuch zu führen. Dieses sollte über mindestens drei Monate geführt werden und auf jeden Fall enthalten,

  • wie oft die Schmerzen auftreten
  • wann und wie die Attacke beginnt
  • wie stark die Schmerzen sind
  • welche Begleitsymptome auftreten
  • wie lange die Schmerzen anhalten
  • welche Medikamente man genommen hat und wie diese geholfen haben

Apparative Diagnoseverfahren wie eine Kernspintomographie sind unergiebig, sie dienen bei entsprechendem Verdacht nur dem Ausschluss anderer Hirn- oder Hirngefäßerkrankungen. Bei einer Komplizierten Migräne z. B. sind die Symptome ähnlich wie bei einem Schlaganfall (abgesehen von dem typischen Kopfschmerz): Während des Anfalls kann es zu Sprachstörungen, Gesichtsfeldausfällen, einer Halbseitenlähmung und sogar zum Koma kommen. „Besonders schwierig ist die Diagnose dann, wenn die Symptome ohne Kopfschmerzen auftreten, im Sinne einer Migräne ohne Migräne – ein zwar seltenes, aber diagnostisch umso schwierigeres Phänomen“, erklärt Haan.

Professor Dr. med. Jean Haan, Chefarzt der Neurologischen Klinik im Franziskushaus.Wer auf Wundermittel hofft, wird enttäuscht

„Migräne ist nicht heilbar. Es gibt aber wirksame Therapien bzw. Maßnahmen, die deren Symptome lindern können“, betont der Neurologe. Am effektivsten ist sicherlich deren Auslöser zu finden und zu vermeiden – sofern es welche gibt. „Denn nicht für alle Anfälle gibt es zwingend auch Auslöser“, weiß Haan. Für die Akutbehandlung empfehlen sich freiverkäufliche Schmerzmittel, wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol oder Ibuprofen, in Kombination mit Medikamenten gegen Übelkeit „Dabei muss jeder für sich ausprobieren, womit er am besten zurecht kommt“, so der Professor. Wichtig ist, frühzeitig und in ausreichender Dosierung gegenzusteuern, ansonsten dauert es viel länger, bis die Schmerzen unter Kontrolle sind. Wer sich damit nicht helfen kann, sollte sich beim Arzt nach so genannten Triptanen erkundigen. Speziell für Migränepatienten entwickelt, bekämpfen diese ganz gezielt die Entzündungen an den Blutgefäßen. „Um eine Medikamentenabhängigkeit zu vermeiden, sollte bei häufigeren Attacken unbedingt eine sorgfältige ärztliche Beobachtung erfolgen. Ansonsten besteht die Gefahr, dass sich allein durch die vielen Arzneimittel ein andauernder medikamentenbedingter Kopfschmerz entwickelt“, warnt der Neurologe.

„Bei mehr als vier Attacken im Monat empfiehlt sich, spezielle Präparate wie Betablocker, gewisse Antiepileptika oder Flunarizin unter sorgfältiger ärztlicher Beobachtung vorbeugend einzunehmen“, so Haan. Zur Prophylaxe eignen sich bei verschiedenen Patienten zudem Entspannungsverfahren wie Yoga oder autogenes Training, Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen oder Radfahren, spezielles Stress- und Schmerzbewältigungstraining sowie Akupunktur.

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