Sport

Sport > » Der Große frisst den Kleinen «

» Der Große frisst den Kleinen «

Februar 2012

tl_files/bilder/sport/sport-02-12-borussia-der-grosse-frisst-den-kleinen-ter-stegen.jpg

Die Winterpause hatte kurz vor der Abreise ins türkische Trainingslager ihren Paukenschlag für Borussia parat, einen, der noch lange nachhallen wird. Der bekannt gegebene Weggang von Marco Reus zu Borussia Dortmund in diesem Sommer war im Fanlager beinahe gleichbedeutend mit dem Rückfall in weit weg gehoffte Zeiten. Plötzlich aber stand es allen Gladbachern wieder als Schrecken ins Gesicht geschrieben, der Abstiegskampf, der Misserfolg, vergeblicher Kampf! Mitten in diese Euphorie hinein kam diese gar nicht passend wollende Nachricht, die durch weitere Schlagzeilen und Presseinformationen noch schlimmer wirken sollte. Roman Neustädter geht, selbst der Trainer soll darüber nachdenken, am Ende der Saison den Club zu verlassen! Nicht zuletzt, weil Sportdirektor Max Eberl und dessen Finanzexperte Stephan Schippers als Geschäftsführer nicht in der Lage sind, die Talente an Borussia zu binden. Lucien Favre, der Übervater des Erfolgs, denkt an seinen Abschied? Das war’s dann wohl mit der Euphorie!

Im Dezember trennten sich die beiden Borussias 1:1 im Borussiapark, Marco Reus saß verletzt auf der Tribüne. Beim nächsten BVB-Gastspiel in der Bundesliga trägt er schon das Dortmunder Trikot. Eberl aber blieb von Beginn an besonnen, ärgerte sich über die „Gesetze des Marktes“ und die Finanzkraft der Bundesligakonkurrenz, schüttelte sich kurz und ging dann schnell in die Offensive. „Es ist im Fußball so, dass die Großen die Kleinen fressen“, meinte er und ließ die Öffentlichkeit wissen, was die VfL-Fans nach dem ersten Schock hofften: Das Geld – knapp 18 Millionen Euro – solle in die Mannschaft reinvestiert werden! Es ist Reus und Neustädter hoch anzurechnen, dass sie Borussia so zeitig Bescheid gesagt haben, dass ihre Zukunft anderswo liegt. Denn neben der sportlich guten Lage sorgt nun auch das Finanzpolster für eine Art Planungssicherheit, die es seit vielen, sehr vielen Jahren nicht mehr bei Borussia gegeben hat. Eberl steht erneut von einer Herausforderung. Zunächst belächelt, bald beschimpft, mauserte sich der Sportdirektor in dieser Saison aufgrund der sportlichen Entwicklung als Experte mit Weitblick. Er holte Reus im Sommer 2009 für eine Million Euro zum VfL, was für eine Rendite! Und er holte Favre – und nun muss er sehen, dass der bei Borussia bleibt, was er mit interessanten, sportlich wertvollen und letztlich teuren Neuzugängen bewerkstelligen kann. „Wir werden versuchen, Marco mit viel Geld zu ersetzen und den Kader damit zu unterfüttern, um nachhaltig in den Regionen zu spielen, die wir uns vorstellen“, erklärt Eberl. Eine Aussage, die nicht nur an die Fans gerichtet ist – sicher auch ein bisschen an Favre.

Die Unruhe, die zum Auftakt des Trainingslagers plötzlich bei Borussia und noch mehr im Umfeld herrschte, wird sich in diesen Tagen mit erfolgreichen Resultaten wieder legen. Läuft es aber zu Beginn des Jahres sportlich nicht mehr so glänzend wie in der Hinrunde, wird der Sündenbock schnell gefunden sein. Indes mag man sich nicht vorstellen können, dass sich ein Marco Reus hängen ließe und nicht mehr einhundert Prozent für Borussia – die einzig wahre Borussia – geben könne. „Am liebsten möchte ich mich mit einem Titel verabschieden“, sagt Reus. Dazu ist ein Sieg in Berlin Pflicht, sowohl im Viertel-finale des DFB-Pokals am 8. Februar als auch im Endspiel im Mai. Eine Teilnahme an der Europa League wäre für den VfL nicht nur sportlich eine sensationelle Sache: Ein jährliches Mitwirken im Europapokal würde die Chancen erhöhen, zukünftig die großen Talente bei Borussia zu halten.

Coach Lucien Favre bleibt mit seiner Mannschaft bei der Stange.Dass der VfL dazu aktuell nach den aufreibenden Jahren, die hinter dem Club und Teilen der aktuellen Mannschaft liegen, nicht in der Lage sein kann, muss auch jedem Fan klar sein. Selbst Bayern München nahm angesichts des Gesamtpaketes für Reus Abstand davon, um den Nationalspieler mitzubieten. Kolportierte rund 40 Millionen Euro (Ablöse plus Gehalt über die Vertragsdauer) waren dem Rekordmeister zu viel. Wie hätte Borussia das stemmen sollen, wenn die Zahlen der meistens gut informierten Kreise halbwegs stimmen? Spätestens jetzt aber gehört der VfL zu den potenteren Kräften in der Bundesliga, neben etwaigen Neuzugängen werden diese Entwicklung auch die Führungsspieler genau beobachten. Auch wenn es nicht nur um Geld geht, so wird doch jeder etwas vom Kuchen abhaben wollen. Ist es der Fluch des Erfolges oder einfach nur die Tatsache, dass bei Borussia fortan eben in größeren Dimensionen gedacht werden muss? Eine Entwicklung, die ebenso rasant gekommen zu sein scheint, wie die sportliche – und Letztere wiederum könnte dabei helfen, sich an den Gedanken zu gewöhnen.

In den vergangenen Jahren hatte Borussia häufig auf dem Transfermarkt das Nachsehen, weil sie nicht „flüssig genug war“. Jetzt hatte sie wieder einmal das Nachsehen, auf der anderen Seite aber eröffnet das neue Möglichkeiten. Das weiß auch der Trainer, das wissen auch die Borussen, die vielleicht mit einem Wechsel kokettieren, weil sie sportlich Appetit auf mehr bekommen haben. Der „Große frisst den Kleinen“, es kommt auf die Sichtweise an, ob man diesen Fakt verwerflich finden muss oder nicht! Die nächsten Wochen werden aber sicher nicht nur sportlich für den VfL interessant: aber mit vielen Siegen wird Borussia interessant. Das Fundament steht auch ohne Marco Reus noch – darauf gilt es jetzt noch mit ihm für die Zeit ohne ihn aufzubauen, nachhaltig!

Termine
Nach dem Auftakt in die Rückrunde gegen den FC Bayern hat Borussia in Meisterschaft und Pokal in diesen Tagen gleich drei aufeinanderfolgende Auswärtsspiele zu bestreiten. In Stuttgart (29. Januar, 17:30 Uhr) und in Wolfsburg (4. Februar, 15:30 Uhr) ist es nicht leicht, Punkte zu holen, und in Berlin soll dann am 8. Februar das Halbfinale im DFB-Pokal klargemacht werden – um vielleicht sogar im Mai erneut in die Bundeshauptstadt zu reisen, als Finalteilnehmer!

Am 11. Februar, 18:30 Uhr gibt es nach diesen schwierigen Aufgaben erstmal wieder die Chance, den VfL daheim zu sehen. Vorausgesetzt, man hat für das ausverkaufte Spiel gegen Schalke 04 bereits eine Karte. Sonst bleibt zum Monatsende nur noch das Spiel gegen den Hamburger SV am Freitag, 24. Februar, 20:30 Uhr.

Zurück